geschrieben von Gerhard Tetzlaff am Montag, 25. April 2005 18:04 Uhr
Als Antwort auf : "Re: Wildcampen in Griechenland":
(Hallo Jens und Hannes, Ihr mögt mit verzeihen, daß ich am Wochenende keine Gelegenheit fand, weiter auf die Entsorgung einzugehen, ich will aber das Internet noch nach Elektro-Toiletten absuchen, nach solchen, die den Kot in einer Brennkammer veraschen. Da kommt es eigentlich nur auf die Stromaufnahme an.)
Hallo Peter!
Deine Schilderung kann ich eigentlich nur voll bestätigen. Du hast genau die Dinge erlebt, die ich auch erlebt habe. Aber wenn ich das Ganze etwas kritischer beschreibe, dann deshalb, weil dem Otto Normalverbraucher, der mit seinem Womo zum ersten Mal in Griechenland ankommt, einige Voraussetzungen fehlen, Griechenland und die Griechen richtig einschätzen zu können.
Du hast in über 30 Jahren Griechenland-Reiseerfahrung genau alles das gelernt, was man in Griechenland braucht; dazu gehört nicht nur die Sprache, die immens wichtig ist, um zu den Griechen einen wirklichen Zugang zu finden, denn dieselben Griechen sind auf Englisch oder gar Deutsch oft andere Wesen, wie "gespaltene Persönlichkeiten". Das ist auf der Peloponnes zumeist nicht ganz so krass wie etwa auf Kreta, wo ja der Tourismus sehr viel älter ist.
Als ich nach dem Abitur 1972 nach 7 Tagen freiem Trampen über Jugoslawien endlich auf Kreta ankam, waren dort vor mir schon seit dem zweiten Weltkrieg etliche Engländer (hauptsächlich rund um Ag. Nikolaos) und nicht ganz so lange sehr viele Amerikaner (dort auf dem festliegenden Flugzeugträger "Kreta" als Soldaten seinerzeit in Massen stationiert, rund um Irakleion), sehr viele Hippies aus aller Herren Länder, aber kaum aus Deutschland, alle eher 10-15 Jahre älter als ich damals. Viele blieben damals länger, viele machten auf Kreta Station, wenn sie von Indien zurückkamen, um sich langsam wieder an Europa zu akklimatisieren. Mancher hatte Jahre in Persien, Afghanistan und Indien hinter sich.
Auch wenn es nicht besonders opportun ist, derartiges zu sagen, hat mich der Umstand, daß es sich bei Griechenland um ein militär-diktatorisch regiertes Land handelte, nicht abgeschreckt, damals war halb Europa noch diktatorisch regiert. Kretaner nahmen sich auch in der Junta-Zeit etwas mehr heraus. Dagegen war es in Athen sehr problematisch. Allumfassende Spitzelei bekam man erst mit, wenn jemand abgeholt wurde. Einmal, 1973, auf meiner zweiten Reise, traf ich in der Plaka von Athen einen Bekannten wieder, den ich im Jahr zuvor auf Kreta kennengelernt hatte. Wir gingen in eine Taverne und saßen dort mit vielen seiner Bekannten zusammen. Ich war so blöd, zu fragen, ob es denn wirklich so schlimm sei mit der Diktatur Papadopoulos'. Die Antwort war eindeutig: Alle standen sofort auf und verließen wortlos die Taverne. Der Aufstand am Athener-Polytechnikum, den Panzer niederwalzten, sollte erst wenige Wochen später stattfinden, aber der Ernst der Lage war eindeutig.
Griechisch lernte ich erst in den Achtzigern, so für etwa fünf Jahre habe ich richtig gebüffelt. Leider habe ich auch viele Vokabeln wieder vergessen, weil doch die Situationen, in denen man Griechisch spricht, sich immer wiederholen und dafür nur eine eingeschränkter Wortschatz nötig ist. Auch wenn ich jedes Jahr dort bin und doch auch hin und wieder auf die Sprache regelrecht angewiesen bin. Wenn Du mal nach einem Autounfall sieben Stunden in einer Polizeistation zugebracht hast und alles nur auf Griechisch abgeht, einschließlich aller schriftlichen Protokolle, dann kannst Du mir nachfühlen, wie nahe ich der griechischen Seele wohl schon gekommen sein mag. Ich hätte auf Kreta rund um 1988 auch heiraten können, wobei ich selbstverständlich mit der Tochter des betreffenden Hauses keinerlei Verhältnis hatte, sondern, völlig klar, das alles die Idee der Eltern des Mädchens war...
Wenn ich also heute auf der Peloponnes herumfahre, dann deshalb, weil ich in der Hochsaison leider die Schulferien einhalten muß, um meinen kleinen Kindern jede Menge Strandauslauf zu bieten. Dazu benutze ich ebenfalls die RoadMap Karten, vielfach auch die grüne Serie mit der höchsten Auflösung. Wir fahren auch viel in den Bergen herum. Wegen der "Wagenburgen", die sich an vielen Ecken gebildet haben und dem entsetzlichen Staub, der sich überall bildet, wo Autos fahren und auch auf den Strandwegen stehen, habe ich mir einen 4x4 Lastwagen gekauft und kann wirklich an den Stränden stehen, wo sonst keiner hinkommt, wo also gar keine Straße hinführt.
Andere "Wiederholungstäter" haben sich ein Boot gekauft und klappern die Küsten vom Wasser aus ab, das garantiert dann vollkommene Einsamkeit, wenn man diese wünscht.
Es bleibt aber letztlich festzustellen, daß jeder sein Griechenland selbst entdecken muß, und in 30 Jahren macht man dann eine große Zahl sehr positiver Erfahrungen und eine kleine Zahl negativer Erfahrungen. Beklaut wurde ich bisher nur in Pensionszimmern, es sollte niemanden entsetzen, daß auf Kreta in jedem besseren Touristenort Menschen davon leben. Allerdings hüten diese sich, Griechen zu bestehlen, denn das endet schlimm. Ich will, nachdem ich mich oben schon recht ungeschickt zur "Diktatur" geäußert habe, nun nicht noch als Rassist gelten. Deshalb verschweige ich, aus welcher Minderheit die Diebe hauptsächlich kommen. Leider gibt es auch unter den Griechen selbst dunkle Gestalten. Etliche "schwarze Schafe" aus den Großfamilien, die dem rigiden Druck der Dorfgemeinschaft vor 20 Jahren nach Athen ausgewichen waren, sind in den Boomjahren des Tourismus wieder zurückgekehrt in die Orte am Meer. Ihnen blieb oft nicht sehr viel mehr, als entweder untergeordnete Stellungen in der Hierarchie des Dorfes einzunehmen (Sonnenschirmverleiher, Strandbudenwirt...) oder ihre Verbindungen in die Großstadt "gewinnbringend" in wenig legalen Erwerbszweigen zu nutzen. Hier ist der Drogenhandel zu nennen, es ist einfach, Drogen nach Griechenland hineinzubringen und auch gleich vor Ort an den mitteleuropäischen Konsumenten zu verkaufen. Hier kann sich der Dealer auch mit einem saftigen Bestechungsgeld noch vor der Verhaftung durch seine Lokalbehörden retten. Wegen der geringeren Risiken sind die Preise auch geringer und macher Heroin-Junkie bleibt gleich dort das ganze Jahr. Weiterhin ist der Menschenschmuggel aus der Türkei und aus Afrika doch so umfangreich, daß ich schon öfter, sowohl auf Kreta wie auch auf der Peloponnes nachts Zeuge der Anlandung von Menschen wurde. Es ist geradezu ein Qualitätsmerkmal für einen einsamen Strand, wenn man dort Zeuge der Dynamitfischerei (70iger und 80 er Jahre) des Waffen- und Drogenschmuggels (80iger und 90 iger Jahre) sowie des Menschenschmuggels (90iger Jahre bis auf weiteres) wird. Es ist klar, daß ich jedesmal froh bin, wenn es vorüber ist, denn das ist brandgefährlich. Es ist aber auch bezeichnend dafür, daß Touristen nicht für voll genommen werden, daß man sie vollkommen dabei ignoriert. Ich kenne die Griechen einigermaßen und weiß deshalb, daß der Tourist eigentlich möglicht immer ausgeklammert wird, wenn sich dies problemlos machen läßt.
Kreta ist etwas sicherer als die Peloponnes. Ich empfehle jedem, sich abends zur Abfahrt des Schiffes in Irakleion mal die "Chain-Gangs" anzusehen. Dann kommt der Gefängnisbus und bringt 40 oder mehr Gefangene in klirrenden Ketten ans Festland. Hinterher trippeln immer ein paar aufgemischte Prostituierte, sie auch mitmüssen.
Nun habe ich keinen der Gefangenen fragen können, woher sie kommen, aber ich vermute, daß es sich ganz überwiegend nicht um Griechen, sondern um Albaner und andere Osteuropäer handelt. Dieselben, die auch bei uns Ärger machen.
Genug für heute, sehe gespannt den Erwiderungen entgegen...
Gruß Gerhard
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