Re: Wildcampen in Griechenland

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geschrieben von Gerhard Tetzlaff am Mittwoch, 20. April 2005 23:04 Uhr

Als Antwort auf : "Re: Wildcampen in Griechenland":

Hallo Gerhard (mit Eura) und hallo Herbert!

Ich möchte kurz auf die Logistik-Probleme eingehen:
Wasser: Es ist immerhin noch an vielen Stellen möglich, Wasser zu bekommen, was aber auch heute in den Zeiten der Wasseruhren in den allermeisten Orten Griechenlands nicht mehr unumschränkt gilt.
Problematischer ist die Qualität des Wassers, denn es kann in den großen landwirtschaftlichen Ebenen und den Großstädten in jeder Hinsicht belastet sein. Nicht umsonst ist es in Griechenland mehr oder weniger üblich, sein Trinkwasser in Flaschen zu kaufen, so als normaler Städter. Wir haben ganz viele griechische pfandfreie PET-Flaschen, die wir an hochgelegenen Quellen in den Bergen füllen (das dauert im Hochsommer oft Stunden, weil aus den Quellen nur noch Rinnsale herauskommen) und danach etwa zur Hälfte kühlen, zur anderen Hälfte zuerst verbrauchen, denn bei 35-40°C ist die Mikrobiologie ein Problem.
Zum Duschen nehmen wir in den 150 Liter Tank alles, was wir nahebei kriegen können: Wasser aus brackiger Uferfilterung, aus landwirtschaftlichen Brunnen und aus heißen Schläuchen, von Tankstellen...
Abwasser: Das Duschwasser läuft bei uns gleich unten wieder heraus, wir haben keinen Abwassertank. Das mag man verurteilen, diese Praxis führte auch schon zu Irritationen sowohl bei anderen Campern (etwa beim Abduschen auf dem Vorplatz vor den Heißen Quellen von Kaiafa) oder bei der Hafenpolizei (Limeniko Soma) auf der Hafenmole von Pylos, ist aber aus meiner Sicht nicht bedenklich, das Wasser ist nicht wirklich belastet.
Urin kommt bei uns ins Porta Potti und wird, da wird mir nicht jeder zustimmen, im Hinterland an Stellen ausgegossen, an denen z.B. die vielen vergammelten Früchte gesammelt werden.
Der Müll kommt in die heutzutage oft auch strandnahen Mülltonnen. Allerdings zeigen Mülltonnen am Strand an, daß der Strand bewirtschaftet wird und da ist die Chance größer, daß man dort nicht geduldet wird.
Kot wird in der Porta-Potti Schale in Haushaltstüchern aufgefangen, in einen extra Plastikbeutel unten an den Wagen gehängt und in eine Mülltonne geworfen, die ja in Griechenand zum Glück immer noch auf der Straße stehen. Vor vielen Jahren gab es keine Mülltonnen, da flog der Abfall immer dort in die Schlucht, wo auch die Griechen unsägliche Müllkippen geschaffen hatten. Ich kenne Griechenland noch aus Zeiten ohne Verpackungs- und Plastikmüll, da war diese "in das Trockental runterwerfen" Praxis vollkommen in Ordnung. Später erst mit dem Plastikmüll verrottete das dann nicht mehr so schnell wie es nachwuchs.
Die Entsorgung der Mülltonnen stellt immer noch ein Problem da, denn der Müll wird immer noch ortsnahe unkontrolliert verbrannt, besser: verschwelt, d.h. es stinkt meilenweit. Viele Müllkippen liegen jetzt an halber Bergflanke und stellen "markante Sehenswürdigkeiten" dar. Oftmals geht auch von diesen brennenden Kippen eine nicht unerhebliche Brandgefahr aus, die oft ganze Bergflanken und Täler erfaßt.
Wir bringen unseren (pro Tag mindestens eine volle Plastiktüte) immer zur Tonne. Vergraben wird nichts und ein Lagerfeuer machen wir auch nicht.
Wenn wir ein paar Tage an einem Strand stehen, dann räumen wir auch den gesamten Plastikmüll weg, der dort rumliegt. Mit den vielen Mülltüten, die man mit diesen Massen füllt, haben wir auch schon Irritationen ausgelöst. Die Griechen glauben nämlich nicht, daß man den Müll am Strand gesammelt hat, sondern denken, man entsorgt den Müll des gesamten Urlaubs bei Ihnen. Kaum ein Griechen würde freiwillig Strandmüll einsammeln, das wäre unter seiner Würde. Allerdings kann man das ja ganz schnell nachweisen, weil das Zeug von Strand einfach ganz anders ausgebleicht und zerrottet ist als frischer Hausmüll. Dann werden sie langsam etwas zugänglicher.

Nun habe ich ehrlich mitgeteilt, wo Müll, Urin, Kot und Abwasser bleiben, ich brauche hier nicht zu betonen, daß ich auch ganz andere Praktiken kenne, die allesamt mit den riesigen Abwassertanks zu tun haben, in denen sich Abwasser, Urin und Kot und Klopapier vermischen...So manchen stolzen Freizeitdampfer sah ich schon halb im Straßengraben hängen. Beim Angebot, ihn wieder herauszuziehen, wurde mir verschämt der Sinn des Manövers mitgeteilt...dabei handelt es sich um Gräben, die der Feldbewässerung dienen. Das ist dann auch parasitologisch bedenklich: Die Entwicklunskreisläufe einer Reihe von Endoparasiten ("Würmer") wird dadurch geschlossen.

Kurz noch zu den Griechen: Das griechische Volk leistet eine erhebliche Anpassungsarbeit an den Tourismus. Ich meine nicht diejenigen, die vom Touristen leben, sondern die, die sich das Leben im eigenen Land kaum noch leisten können, weil wir die Preise im Freizeitbereich verderben. Allerdings gibt es inzwischen auch "Segnungen" aus Zentraleuropa wie "Lidl" oder "Carrefour", die die extrem hohen Lebenshaltungskosten (im Vergleich zu den bescheideneren Gehältern, aber auch im Vergleich zu unseren Kosten in Deutschland) etwas dämpfen helfen. Da äußern sich die Griechen auch lobend.
Noch ist es nicht so weit wie auf den Wellenkämmen bestimmter Surfparadiese, wo sich die Einheimischen mit den Wohlstandstouristen bereits um die besten Wellen prügeln.
Aber wenn man wegen der Kinder an die Sommerferien gebunden ist, dann kann man schon merken, daß Griechenland "dicht bevölkert" ist im Vergleich zu den Zeiten vor 20 Jahren und noch früher. Damals wanderten von 7 Kindern eines Ehepaares 6 Kinder aus, und zwar in die ganze Welt. Das Hinterland, und dort machen wir alle Urlaub, war streckenweise entvölkert. Jetzt kommen die Leute, einfache Arbeiter zumeist, aus Amerika und Australien oder Zentraleuropa zurück, finden oft nicht mehr den Anschluß, den sie sich erhofft haben für ihre alten Tage, oft reicht es nicht mehr für ein Haus und einen Garten für die Selbstversorgung, oft strapazieren diese Remigranten ihre Familien ganz erheblich. Früher saßen die Alten nicht massenweise an den Stränden, jetzt ja, wenigstens im Hochsommer, aber...was heist schon, die Alten, vor wenigen Jahren standen die alle noch mitten im Arbeitsleben, eine Generation ist kürzer als bei uns, mit 40 kann man schon gut Großvater sein, jetzt sind sie mit den Enkeln an den Stränden und machen sich nützlich. Bei den überlangen griechischen Schulferien wissen die arbeitenden Eltern oft garnicht, was sie sonst machen würden, wenn die Kinder nicht von den Großeltern betreut würden. Zum Feierabend und am Wochenende kommen dann noch die Eltern dazu. Das machen sehr viele Familien, die es früher garnicht gab. Griechen sind gern unter sich. Fremdenfeindlichkeit ist in Griechenland sozial vollkommen akzeptiert, es gibt ganz klar heute Bestrebungen, die man oft lesen kann: H Ellada stous Ellinous. "Griechenland den Griechen", so hätten sie es gerne und haben doch ihr schönes Land längst an Europa verloren, denn sie sind eingebunden in ein Wirtschaftssystem, in dem die Leistung der Griechen in der Bereitstellung einer funktionierenden touristischen Infrastruktur besteht. Die übrige Infrastruktur wird mit Mitteln aus Brüssel wiederaufgebaut, was ich begrüße. Ohne den Beitrag der Einnahmen aus dem Tourismus wäre Griechenland bankrott, man denke nur an die Mogeleien bei den Maastricht-Kriterien. Ich hatte nie etwas anderes vermutet.
Wir Wildcamper werden oft in der Weise angesprochen, daß wir kein Geld im Lande lassen würden, aber das stimmt in meinem Fall nicht. Allerdings sind wir wählerisch und kritisch und hochmobil, so daß nicht jedes "vollsythetisches Artefakt" von einer Taverne von uns aufgesucht wird. Die Situation der Griechen, die am Tourismus verdienen, ist auch alles andere als rosig, weil Jahr für Jahr weniger Touristen kommen und viele Tavernenwirte bis über beide Ohren verschuldet sind in der Hoffnung auf stetig steigende Kundenzahlen.
Wildcampen ist eine Tätigkeit, die dort von den Einheimischen selbst in Massen ausgeübt wird, was man ja nicht von allen Einheimischen anderer Länder sagen kann. Gerade hier in Deutschland kann schon die einfache freie Übernachtung zum Problem werden, weil es einfach kein volkstümliches Wildcampen gibt.
Ich höre für heute mal lieber auf, es ist schon spät...
Gruß Gerhard

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