geschrieben von Rolf (altes Forum) am Dienstag, 12. August 2003 14:08 Uhr :
Ideales Reiseland Kroatien?<p>Ich bin mir der „Gefahr“ bewusst, nun von überzeugten Kroatienfans zerrissen und beschimpft zu werden, aber trotzdem möchte ich hier meine persönlichen Eindrücke hier loswerden. Jeder hat da eben seine eigene Meinung und vielleicht ist es auch mal ganz gut, wenn nicht nur ganz positive und rosige Dinge berichtet werden oder Dinge zu bedenken gegeben werden:<p>Nachdem ich es seit vielen Jahren immer wieder verschoben hatte, bin ich dieses Jahr dann doch mal nach Kroatien gefahren – blöderweise ist Kroatien dieses Jahr gerade besonders in Mode und dementsprechend voll...und wir hatten nur 2 Wochen Zeit.<p>Wir hatten dann gedacht: Fahren wir nach Süddalmatien und wenn es immer noch zu voll ist, einfach weiter nach Montenegro. Ein Wohnmobil / Campingbus ist ja keine Immobilie, deshalb wollten wir auch nicht den ganzen Urlaub nur auf einem Campingplatz verbringen, sondern etwas vom Land sehen.<p>Istrien haben wir gleich ganz ausgelassen, da ja bekannt ist, wie viele Touries sich dort stapeln.<p>Wir sind also weiter und weiter in den Süden gefahren, aber die Situation hat sich nicht geändert. Einzig die Preise waren im Süden etwas niedriger, die Touristen waren nicht weniger, sondern waren dann statt Deutsche eher Polen, Tschechen und Ungarn, was für mich zwar einen eher positiven Effekt hat, aber weniger waren es eben doch nicht. Noch vor dem BiH-Korridor haben wir und dann langsam auf den Rückweg gemacht, da die Entfernungen eben doch recht gross sind und wir dann inzwischen schon davon ausgingen, dass in Montenegro genauso viele Touries sind, nur eben aus wieder anderen Ländern.<p>Sicher, auf den Campingplätzen hat man immer einen Platz bekommen, aber die wenigen Stellen, wo es auch nur halbwegs brauchbare Strände gab, waren so mit Campingplätzen, Privatunterkünften, Ferienwohnungen und Hotels zugebaut, dass sich die vielen Leute dann an den engen Stränden drängten. Also eigentlich zu viele Unterkünfte für zu wenig Strand.<p>Es ist verständlich, dass jeder am Tourismus mitverdienen möchte (jeder hat einen „Autocamp“ im Garten), und es ist ja auch wirklich so, dass die privaten Unterkünkte und Camps meist angenehmer sind als die staatlichen, aber die Strände sind deshalb eben hoffnungslos überfült.<p>Jedem, der nach Kroatien fährt, ist bewusst, dass es kaum Sandstrände gibt. Dass es aber ganz allgemein selbst Kiesstrände die Ausnahme sind, und der grösste Teil aus Felsufer besteht, war mir dann doch nicht klar. Obwohl ich nicht der typische Badeurlauber bin, war ich davon doch recht enttäuscht.<p>Einigermassen ungestört baden kann man nur dort, wo keine Strasse und kein Fussweg hinführt. <p>Im Inland ist das Campingplatznetz fast gar nicht vorhanden, sodass die Routenplanung dadurch sehr erschwert wird.<p>Touristische Informationen sind fast gar nicht zu bekomen – das Touristikamt verschickt zwar schön bunte Broschüren mit vielen Luftaufnahmen und eine Karte, auf der ein paar wenige Campingplätze verzeichnet sind (und zwar nur die Megagrossen Massencamps – die schöneren kleinen Camps werden ignoriert), aber definitive Tipps für Touristen sind nicht dabei. Die wenigen Reiseführer, die ich auf dem deutschen Markt gesehen habe, waren auch nicht gerade gut. Ich selbst hatte einen Du Mont-Reiseführer dabei, den ich als Mängelexemplar sehr günstig bekam. Allerdings war dieser ein wirkliches Mängelexemplar – nicht vom äusserem Zustand her, sondern auch inhaltlich. Er war schlichtweg unbrauchbar. Praktische Tipps gab es gar keine, es wurde nur über das Alter von irgendwelchen Steinen philosophiert, Märchen erzählt u.ä. .Und das war noch nichtmals dieser spezielle Kultur- und Kunstführer. Also, Du Mont, nein Danke. Nie wieder.<p>Vor Ort gibt es keine richtigen Tourist-Info-Stellen. Diejenigen, die sich als solche ausgeben, sind private Agenturen / Reiseveranstalter, die Tagestouren zu Sehenswürdigkeiten, Zimmer und Camps vermitteln möchten. Auch hier ist also kaum neutrale Info zu bekommen.<p>Über das Inland ist sowieso fast gar nichts zu erfahren.<p>Man erfährt zwar aus Broschüren, dass es möglich sein soll, Kajak zu fahren (sowohl WW als auch ZW), zu Raften, zu wandern usw, aber WO GENAU !!?! Wir haben einen tschechischen Omnibus mit Kajakanhänger gesehen, die Gruppe wusste wohl noch aus alten Zeiten Bescheid über die Paddelziele. (An diese Infos kommt man im Ausland wohl besser ran als in Kroatien...)<br>Einzig über Radfahren gibt es brauchbare Informationen.<p>Auch über die Naturparks und Nationalparks gibt es kaum Info. Nur da, wo der Tourist durch den Staat um viel Geld erleichtert wird, und zwar an den Plitvicer Seen und den unteren beiden Krka-Wasserfällen, gibt es Hinweisschilder und ein paar Infos.<p>Über die Gebiete ausserhalb der kostenpflichtigen Naturwunder geben die Nationalparkstellen keine Auskünfte – die Touristen sollen gefälligst die Wucher-Eintritte zahlen und nicht weiter fragen. Und nichts sehen, was nichts kostet.<p>Da interessiert es nicht, ob es an der Krka noch weitere interessante Gebiete gibt oder ob es ausserhalb der gebührenpflichtigen Sektion der Plitvicer Seen weitere Wanderwege und Höhlen gibt.<p><p>Sicher kann man sagen: Da hätte man sich eben früher besser informieren sollen. Bestimmt ist das auch durch monatelange Vorarbeit und Stöbern in Literatur möglich. Wenn ich in mir unbekanntere und unerschlossenere Länder fahre, tue ich das auch.<br>Nur: Die kroatische Fremdenverkehrbehörde tut so, als ob Kroatien das Reiseland ist, das die geniale Infrastruktur hat und in dem alles möglich sei. Aber so ist es eben nicht. Kroatien ist leider doch nicht wie Phönix aus der Asche des Krieges aufgestiegen und nun gleich ein touristisches Musterland – Kroatien wird einem einfach falsch verkauft !<p>Wir haben uns auf einigen Campingplätzen augehalten. Die Preise sind im Norden teuer, um Süden günstiger und generell sind die kleineren, privaten Capms billiger als die grossen Massencamps, die es schon im Sozialismus gab.<br>Wir haben versucht, diese grossen Camps zu vermeiden, und zwar aus mehreren Gründen:<p>-kleiner ist persönlicher (persönliche Gespräche mit Besitzern)<p>-kleiner ist freundlicher (Null-Bock-Mentalität auf den grossen, ob an der Anmeldung oder bei der Hygiene)<p>-privat ist unterstüztenswerter (der „kleine Mann“ darf auch etwas verdienen)<p>-die Sanitäranlager der grossen (immer noch staatlichen?) Camps sind unserer Erfahrung nach ekelerregend. Die der kleinen Camps immer Top-sauber und oft moderner<p>-die grossen Camps sind viel teurer (bis 30 EUR für 2 Pers. + Campingbus !! ) als die kleinen (ab ca. 12 EUR) und bieten dabei weniger (siehe oben). Ein Laden, Frisör, Beautysalon, Disco, Bar oder Restaurant auf dem Platz ist für mich kein Grund, mehr zu zahlen – schliesslich muss man dafür ja auch extra zahlen, und daran verdient der Camp ja nochmals. Und trotzdem sind die Sanis nicht toll oder sogar schlecht.<p>-weniger Trubel<p>Insgesamt muss ich sagen, wir haben nur wenige wirkliche lohnenswerte Regionen gesehen (oder aufgrund fehlender Infos und mangelnder Zeit nicht gefunden?).<p>Auf der Rückreise haben wir einen sehr schönen Campingplatz mit ungarischer Leitung gefunden – in einer kleinen Bucht mit schönem Kiesstrand, Seekajakvermietung, Tauchkursen, sehr guten Sanitäranlagen, freundlicher Leitung, wenig Trubel, genug Platz am Strand, nahe der nächsten Stadt...und fast nur ungarischen Gästen...<br>Hier hat es uns sehr gut gefallen, aber oft haben wir solche Orte der Ruhe und Entspannung und landschaftlicher Schönheit nicht entdeckt.<br>Auch auf Krk waren wir auf einem Camp, der sehr provisorisch wirkte, aber gerade dadurch schön war, man klebte nicht dicht auf dicht auf den Nachbarn, es war fast wie Wildcamping – nur dass man zahlen musste...<br>Alle anderen meernahen Camps hatten keinen eigenen Strand, sodass diese hoffnungslos überfüllt waren.<p><p>Meine Fazits:<p>die Prospekte des Fremdenverkehramts verzerren die Situation im Land zu stark (ok, es ist Werbung, aber trotzdem !). Es werden halbherzige Infos gegeben, wenig konkretes, es wird z.B. auch nicht erwähnt, dass Plitvicer Seen und Krka-Fälle überhaupt etwas kosten. Über das Kriegsproblem und Minen etc. wir gar nichts geschrieben, aber das gehört eben nun mal dazu. Es gibt keine echten Hinweise darauf, wo man NICHT hinreisen sollte.<p>Vor Ort bekommt man ebenfalls wenig Info, entweder von privaten Anbietern, die irgendwas verkaufen wollen oder z.B. von Nationalparkbehörden, die mit sicher vorhandenen Infos geizen. Beispielsweise bekommt man an den Plitvicer Seen nur die Info, dass es den Nationalparkeigenen Camp gibt (ca. 8 km entfernt oder so). Dass es einen viel günstigeren und schöneren Camp 2 km weiter gibt, wird verschwiegen, auch die Strassenbeschilderung berücksichtigt nur den einen Camp.<p>Das Wasser ist super-klar und nicht allzukalt. Aber einen Bade- und Strand-Urlaub würde ich in Kroatien nicht verbringen. Es gibt doch kaum gute Strände, und sogar die schlechten sind überfüllt. Dafür gibt es lohnenswertere Regionen, die gleichzeitig nicht so überlaufen sind. Wenn man ein (See)kajak oder ein Motor- oder Segelboot besitzt, sieht das schon etwas anders aus. Da kann man sich schöne, einsamere Buchten suchen oder einfach die Landschaft vom Meer aus betrachten. Das stelle ich mir dann doch ganz schön vor.<p>Campingplätze, Sehenswürdigkeiten und Essen gehen ist nicht gerade billig. ok, Essen gehen ist noch immer günstiger als bei uns, aber die Camps sind teuer, vorallem vom Preis/Leistungsverhältnis her. Vieles grenzt an Abzocke, man fragt sich dann doch öfters, wie sich die Kroaten oder andere Ost-Nachbarn z.B. den Eintritt der Plitvicer Seen o.a. leisten können...<br>Ich will es nicht unterstellen, aber ich habe den Eindruck, dass die Abzocke irgendwie Mentalitätsfrage ist. z.T. fand ich aber die Gebühren, Eintritte, Parkgebühren, Kurtaxe, Anmeldegebühr an Campings, Fährkosten usw.aber wirklich sehr penetrant, übertrieben und hoch. Sicher, das Land ist im Aufbau und braucht Geld, aber das geht auch anderen Ländern so.<p>Was ich nicht verstehe, ist, dass so extrem viele Leute nach Kroatien reisen und dass so ein wahnsinnig positives Image herrscht. Natürlich – jedem das Seine, aber die Reiseziele der Masse und die Ansprüche der Masse sehen ja sonst ganz anders aus – da wundert es mich doch sehr, dass Kroatien vom Otto Normaltouristen so gut angenommen wird. Ich weiss nicht, warum es so boomt !<br>Zumahl freies Campen ja verboten ist und angeblich ja auch mit extrem hohen Strafen bedacht wird – somit gibt es auch noch diesen Nachteil!<p>Mit sehr viel intensiver Vorbereitung und Recherche im voraus kann Kroatien für Individualtouristen durchaus lohnend sein, vorallem auch das Inland !!! Ich bin mir nicht sicher, ob ich in naher Zukunft nochmals nach Kroatien fahren werden, aber wenn ja, sicherlich unter anderen Voraussetzungen.<p>Für mich also das Hauptproblem: Falsches Image des Landes durch Touristikbüros und Angaben von Reisenden, dadurch falsche Erwartungen an den Urlaub. Es wird einfach nicht differenziert genug betrachtet.<p>Ich möchte das Land nicht schlecht machen, aber möchte falschen Erwartungen an das Land begegnen.<p>In diesem Sinne<p>Rolf<br><br>
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